«Wer spielen will, tut es trotzdem»

Netzsperren sind der Knackpunkt des neuen Geldspielgesetzes. Der Informatikprofessor Burkhard Stiller erklärt, wie sie funktionieren und wieso sie nicht effektiv sind.

Clarissa Rohrbach im Gespräch mit: Burkhard Stiller

Herr Stiller, wie funktionieren die Netzsperren, die bei einer Annahme des Geldspielgesetzes in Kraft treten würden?
Burkhard Stiller: Es würden höchstwahrscheinlich DNS-Sperren eingesetzt. Diese setzen bei Internetprovidern wie Swisscom, Sunrise oder Cablecom und ihren Routern an. Gibt man eine der blockierten Web-Adressen ein, genauer gesagt die URL, wird für diese nicht mehr auf die beim Provider registrierte IP-Adresse aufgelöst. Der Browser kann so die Seite nicht laden. Die Nutzer könnten stattdessen auf eine Seite umgeleitet werden, die erklärt, dass die gesuchte Domain unter der lokalen Gesetzgebung nicht zugelassen ist.

Hat denn eine solche Stoppseite überhaupt Wirkung?
Stiller: Für unwissende Benutzer gibt eine Warnseite sicher einen Denkstoss. Man fragt sich dann, wieso die Spiele gesperrt sind, und kann vielleicht die Gründe nachvollziehen. Doch die meisten Spieler, vor allem Spielsüchtige, kennen sehr wahrscheinlich Netzsperren bereits und können diese aktiv umgehen. Wer wirklich spielen will, wird von diesem Zaun sicher kaum abgeschreckt. Die Netzsperren wären also eher eine Art von Warnung. Stiller: Aus technischer Sicht sind die Netzsperren nicht effektiv. Ausserdem wissen wir ja von den Kindern, dass verbotene Aktionen meist noch attraktiver wirken. Doch von einem ethisch-moralischen Standpunkt her machen Netzsperren durchaus Sinn: Sie warnen! Man hebt den Zeigefinger und weist darauf hin, dass das Nutzen solcher Angebote hier nicht legal ist. Dies war auch der wichtigste Punkt in der Argumentation von Bundesrätin Simonetta Sommaruga, als sie das Geldspielgesetz präsentierte und verteidigte.

Wie kann man Netzsperren umgehen?
Stiller: Es ist ganz einfach. Es genügt, ein VPN (Virtual Private Network) zu installieren. Damit ist die eigene IP-Adresse nicht mehr im Netz des Schweizer Providers angesiedelt. Mit zwei Klicks kann man eine IP-Adresse im Ausland erhalten, die dann nicht mehr dem Schweizer Recht untersteht und somit die Netzsperren umgangen werden können. Eine andere Alternative ist eine Anonymisierungssoftware wie «Tor». Diese verwischt mittels verschiedener Knoten die Ursprungsadresse und braucht mehrere externe Server, die dann nicht von der Sperre betroffen wären. Jeder, der Netzsperren umgehen will, findet im Internet Anleitungen, wie sich diese in ein paar Minuten umgehen lassen.

Das klingt so, als ob Netzsperren ein untaugliches Instrument wären.
Stiller: Ja, man kommt sehr leicht an den Netzsperren vorbei. Ausserdem wird das Spielen auf ausländischen Seiten nicht verboten. Man würde dafür nicht bestraft. Denn es wäre für die Polizei auch viel zu aufwendig, Onlinespieler zu verfolgen.

Werden in der Schweiz bereits Netzsperren eingesetzt?
Stiller: Die Provider in der Schweiz haben sich auf freiwilliger Basis verpflichtet, Seiten zu sperren, die Kinderpornografie beinhalten. Denn sowohl das Nutzen als auch das Anbieten solcher Inhalte stehen hier unter Strafe. Doch diese Netzsperren sind nicht im Gesetz verankert. Das Geldspielgesetz würde Netzsperren erstmals in der Schweiz gesetzlich vorsehen.

Was sind aus technischer Sicht die Vor- und Nachteile einer Netzsperre?
Stiller: Ein Nachteil ist sicher ihre Umgehbarkeit. Doch aus Sicht der Sicherheit sind «Netzsperren» durchaus sinnvoll. Ich beziehe mich hier vor allem auf Firewalls, die eine Art von umgekehrter Netzsperre sind. Firewalls verweigern gewissen IP-Absenderadressen den Zugang auf eigene Computer. Diese erhalten dann nur vertrauensvolle IP-Nachrichten. So kann man unter anderem Angriffe mit Schadsoftware häufig abwenden.

Was passiert, wenn man die ausländischen Seiten anstatt vom Computer aus mit einer Smartphone-App besucht?
Stiller: Spiel-Apps auf dem Smartphone funktionieren typischerweise aus Sicht der Kommunikation gleich wie Internetseiten auf dem Computer. Im App-Store wird man zwar die App eines Glücksspielanbieters finden und installieren können. Doch sobald der Browser die URL sucht, wird er diese nicht auf die gültige IP-Adresse abbilden können. Länder wie China verbieten ihren Bürgern den Zugang zu vielen Internetseiten.

Würde auch die Schweiz eine Internetzensur betreiben?
Stiller: Hier bewegen wir uns auf dünnem Eis. China hat durch Regierungsbeschluss erst gewisse Inhalte und dann VPNs gesperrt, welche zur Beschaffung von Informationen dienen. Sobald man in die Informationsfreiheit des Bürgers eingreift und diese beschränkt, handelt es sich um Zensur. Glücksspiele hingegen sind keine Inhalte, sondern Produkte. Die Netzsperren wären deswegen keine Form der Zensur, sondern eine Einschränkung des ökonomischen Spielraums, obwohl die Gegner der Vorlage immer eine Internetzensur bemängeln.

Also würden die Netzsperren nicht dazu führen, dass der Staat plötzlich entscheidet, welche Seiten wir besuchen dürfen und welche nicht?
Stiller: Aus Sicht des aktuellen Schweizer Rechts darf der Staat keine Internetseiten zensieren, die der Beschaffung von Informationen dienen. Doch die Sperrdiskussion ist mit dem Geldspielgesetz zum ersten Mal in der Geschichte der Schweiz so explizit. Während sich bei der Kinderpornografie alle einig sind, fehlt ein Konsens, wenn es um die Anwendung von Netzsperren aus ökonomischer Sicht geht. Die Gegner der Vorlage befürchten, dass die Bevorzugung von Schweizer Casinos auch in anderen Branchen Begehrlichkeiten wecken wird. Was würde passieren, wenn Amazon zum Schutz der heimischen Wirtschaft blockiert würde? Es ist schwierig zu definieren, wo die Grenze gezogen werden muss.

Ist die Angst der Gegner berechtigt?
Stiller: Wenn ein Sandkorn bröckelt, kann der ganze Damm brechen. Die Netzsperren wären ein Türöffner für weitere Forderungen etwa in der Regelung des Onlinehandels. Die Frage ist, ob das Parlament diesen neuen Forderungen zustimmen würde.

Würde sich mit den Netzsperren der Gebrauch des Internets verändern?
Stiller: Für den Nutzer des Internets wird sich nichts Grosses verändern. Ausser natürlich, man würde weitere Netzsperren einführen und es gäbe einen Bruch mit der aktuellen Rechtsauffassung.

Ist die Freiheit des Internets tatsächlich bedroht?
Stiller: Die Freiheit des Internets hat mit den Netzsperren im Geldspielgesetz nicht viel zu tun. Da vermischen die Gegner zwei verschiedene Aspekte. Das Internet ist zwar frei, doch es untersteht immer der lokalen Gesetzgebung! Wer zum Beispiel Drogen online kauft, macht sich strafbar, obwohl diese erhältlich sind. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Prof. Dr. Burkhard Stiller ist Professor am Departement für Informatik der Universität Zürich. Er hat an der Universität Karlsruhe in Computerwissenschaften doktoriert. Von 1999 bis 2004 war er Assistenzprofessor an der ETH. Seither leitet er die Forschungsgruppe für Kommunikationssysteme an der Universität Zürich.